DIN EN 12464-1:2021 vollständig erklärt (inkl. Beiblatt 1)

📋 Was ist die DIN EN 12464-1:2021?

Die DIN EN 12464-1:2021-11 "Licht und Beleuchtung – Beleuchtung von Arbeitsstätten – Teil 1: Arbeitsstätten in Innenräumen" ist die zentrale europäische Norm für die Beleuchtung von Arbeitsstätten. Sie legt verbindliche Anforderungen fest, um optimale Sehleistung und Sehkomfort für Personen mit normalem oder korrigiertem Sehvermögen sicherzustellen.

📅 Aktuelle Version:

DIN EN 12464-1:2021-11 (November 2021)

Ersetzt die Version von 2011

⚖️ Rechtlicher Status:

Verbindlich durch ArbStättV und ASR A3.4

Pflicht für alle gewerblichen Arbeitsstätten

🆕 Wichtige Änderungen in der Version 2021

Die Überarbeitung im November 2021 brachte wesentliche Neuerungen:

  • Empfehlungen neben Mindestanforderungen: Zusätzliche Empfehlungen für bessere Beleuchtungsqualität
  • Anhang C – Nicht-visuelle Wirkungen: Berücksichtigung circadianer Effekte und biologischer Lichtwirkungen
  • Abschnitt 5 – Planungsüberlegungen: Neue Hinweise zur praktischen Anwendung bei der Beleuchtungsplanung
  • Anhang B – UGR-Bewertung: Erweiterte Methoden für unübliche Situationen
  • Anhang D – Anwendungsbeispiele: Praktische Beispiele für Büro und Industrie
  • Aktualisierte Flickeranforderungen: Präzisere Vorgaben zu Flimmern und stroboskopischen Effekten

📘 Beiblatt 1 (Mai 2024) – Neue Ergänzung

Im Mai 2024 wurde das DIN EN 12464-1 Beiblatt 1 veröffentlicht, das die Hauptnorm ergänzt:

  • Erweiterte Anforderungen: Zusätzliche Kriterien für Sehkomfort und Sehleistung
  • Planungsrahmen: Detaillierte Rahmenbedingungen für die praktische Umsetzung von Beleuchtungskonzepten
  • Kontextmodifikatoren: Anpassungsfaktoren für spezifische Anwendungssituationen
  • Erweiterte Blendungsbewertung: Zusätzliche Methoden zur UGR-Bewertung in komplexen Situationen

Aufbau der Norm

📖

Abschnitt 1-4

Allgemeine Anforderungen und Grundlagen der Arbeitsplatzbeleuchtung

🎯

Abschnitt 5

Planungsüberlegungen und praktische Anwendung

📊

Abschnitt 6

Beleuchtungsanforderungen für spezifische Arbeitsplätze

👁️

Anhang B

UGR-Bewertung für unübliche Situationen

🌙

Anhang C

Nicht-visuelle Wirkungen des Lichts (circadian)

💡

Anhang D

Anwendungsbeispiele für Büro und Industrie

Die vier Hauptparameter der Beleuchtungsqualität

1. Beleuchtungsstärke Ēm (Lux)

Die mittlere Beleuchtungsstärke gibt an, wie viel Lichtstrom auf die Arbeitsfläche fällt. Sie wird in Lux (lx) gemessen.

Beleuchtungsstärke nach Anwendungsbereich100 lxVerkehrswege300 lxEinfacheBüroarbeit500 lxBüro, LesenSchreiben750 lxTechnischesZeichnen1000 lxPräzisions-arbeiten0

Niedrige Anforderungen (100-300 lx)

  • • Verkehrswege, Flure, Treppen
  • • Lagerräume mit festen Regalen
  • • Pausenräume

Standard Büroarbeit (500 lx)

  • • Schreiben, Lesen, Datenverarbeitung
  • • Bildschirmarbeitsplätze
  • • Besprechungsräume

Anspruchsvolle Tätigkeiten (750-1000 lx)

  • • Technisches Zeichnen
  • • Feinmontage, Inspektion
  • • Medizinische Untersuchungen

Hochpräzise Arbeiten (1000+ lx)

  • • Präzisionsmontage
  • • Farbprüfung, Qualitätskontrolle
  • • Operationssäle

⚠️ Wichtig: Die Norm gibt Wartungswerte an, die während der gesamten Nutzungsdauer eingehalten werden müssen. In der Praxis muss die Beleuchtungsstärke unter Berücksichtigung des Wartungsfaktors (typisch 0,60-0,80) höher geplant werden, damit nach Verschmutzung und Alterung die Wartungswerte noch erfüllt sind.

2. Gleichmäßigkeit U₀

Die Gleichmäßigkeit beschreibt, wie gleichmäßig das Licht über die Arbeitsfläche verteilt ist.

U₀ = Emin / Ēm ≥ 0,40

(Minimale Beleuchtungsstärke geteilt durch mittlere Beleuchtungsstärke)

Vergleich: Gute vs. Schlechte Gleichmäßigkeit✓ Gute Gleichmäßigkeit (U₀ = 0,6)500 lx (Ēm)450 lx440 lx300 lx (Emin)U₀ = 300 / 500 = 0,6 → Norm erfüllt ✓✗ Schlechte Gleichmäßigkeit (U₀ = 0,3)500 lx (Ēm)250 lx220 lx150 lx (Emin)U₀ = 150 / 500 = 0,3 → Norm nicht erfüllt ✗

Anforderungen nach Bereich

  • Sehaufgabe (Arbeitsbereich): U₀ ≥ 0,60
  • Unmittelbare Umgebung: U₀ ≥ 0,40
  • Hintergrund: Keine Mindestvorgabe, aber gleichmäßig

Warum ist Gleichmäßigkeit wichtig?

  • • Verhindert Ermüdung der Augen durch häufige Adaptation
  • • Verbessert Sehkomfort und Wohlbefinden
  • • Ermöglicht flexibles Arbeiten im gesamten Raum
  • • Reduziert Belastung durch starke Helligkeitsunterschiede

3. Blendungsbegrenzung UGR (Unified Glare Rating)

Der UGR-Wert bewertet die psychologische Blendwirkung von Leuchten. Je niedriger der Wert, desto geringer die Blendung.

UGR-Skala und AnwendungsbereicheUGR 13UGR 16UGR 19UGR 22UGR 28UGR < 16Sehr wenig Blendung• Technisches Zeichnen• CAD-Arbeitsplätze• Präzisionsarbeiten• LaboreBeste QualitätUGR < 19Wenig Blendung• Büroarbeit• Bildschirmarbeitsplätze• Besprechungsräume• UnterrichtsräumeStandard BüroUGR < 22Mittel• Werkstätten• Industrieproduktion• Montagearbeiten• VerkaufsräumeAkzeptabelUGR < 28Höhere Blendung• Verkehrswege• Flure, Treppen• Lagerräume• ParkhäuserAusreichend

💡 Praxistipp: Der UGR-Wert einer Leuchte hängt von mehreren Faktoren ab:

  • • Leuchtdichte der Lichtaustrittsfläche
  • • Raumgeometrie und Reflexionseigenschaften
  • • Position und Ausrichtung der Leuchten
  • • Betrachtungsrichtung

→ Verwenden Sie den UGR-Rechner für genaue Berechnungen

4. Farbwiedergabe Ra (CRI)

Der Farbwiedergabeindex Ra (engl. Color Rendering Index, CRI) beschreibt, wie natürlich Farben unter der künstlichen Beleuchtung wirken.

⭐⭐⭐

Ra ≥ 90

Hervorragende Farbwiedergabe

  • • Medizinische Untersuchungen
  • • Farbprüfung und -beurteilung
  • • Kunsträume, Galerien
  • • Druckereien
⭐⭐

Ra ≥ 80

Gute Farbwiedergabe (Standard)

  • • Büroräume
  • • Bildungseinrichtungen
  • • Industrieproduktion
  • • Verkaufsräume

Ra ≥ 40-60

Ausreichende Farbwiedergabe

  • • Verkehrswege
  • • Lagerräume
  • • Parkhäuser
  • • Außenbereiche

Beleuchtungsanforderungen nach Branchen

Die DIN EN 12464-1 enthält spezifische Anforderungen für über 290 verschiedene Arbeitsstätten und Tätigkeiten. Hier sind die wichtigsten Bereiche im Überblick:

🏢 Büro und Verwaltung

Tätigkeit / BereichĒm (lx)UGRRaU₀
Ablage, Kopieren, Zirkulation300≤ 19≥ 800,60
Schreiben, Lesen, Datenverarbeitung500≤ 19≥ 800,60
Technisches Zeichnen750≤ 16≥ 800,70
CAD-Arbeitsplätze500≤ 19≥ 800,60
Konferenz-, Besprechungsräume500≤ 19≥ 800,60
Empfang300≤ 22≥ 800,60

Tipp: Für Open-Space-Büros sollte die Beleuchtung flexibel und zonenweise steuerbar sein.

🏭 Industrie und Fertigung

Tätigkeit / BereichĒm (lx)UGRRaU₀
Lagerräume, feste Regale150≤ 25≥ 600,40
Versand, Verpacken, Kommissionieren300≤ 25≥ 600,60
Grobe Montagearbeiten300≤ 25≥ 600,60
Mittelfeine Montage, Bearbeitung500≤ 22≥ 800,60
Feinmontage, Inspektion750≤ 19≥ 800,70
Sehr feine Montage, Präzision1000≤ 19≥ 800,70
Präzisionsmontage1500≤ 16≥ 800,70
Qualitätskontrolle, Farbprüfung1000≤ 19≥ 900,70

🏥 Gesundheitswesen

Bereich / TätigkeitĒm (lx)UGRRaU₀
Warteräume200≤ 22≥ 800,40
Untersuchungsräume, allgemein500≤ 19≥ 900,60
Behandlungsräume500≤ 19≥ 900,60
Zahnarztpraxis, allgemein500≤ 19≥ 900,60
Operationsräume (allgemeine Beleuchtung)1000≤ 19≥ 900,60
Laboratorien500≤ 19≥ 800,60

Wichtig: Im Gesundheitswesen ist Ra ≥ 90 erforderlich für korrekte Farbbeurteilung (Hautfarbe, Symptome).

🎓 Bildungseinrichtungen

Bereich / TätigkeitĒm (lx)UGRRaU₀
Klassenzimmer, Lehrräume300≤ 19≥ 800,60
Klassenzimmer, Abendunterricht500≤ 19≥ 800,60
Hörsaal, Auditorium500≤ 19≥ 800,60
Tafel- und Whiteboard-Fläche500≤ 19≥ 800,70
Bibliothek: Lesebereich500≤ 19≥ 800,60
Bibliothek: Bücherregale200≤ 19≥ 800,40
Kunsträume, Zeichensäle500-750≤ 19≥ 900,60

Tipp: In Schulen und Universitäten sollte die Beleuchtung dimmbar und an verschiedene Unterrichtsszenarien anpassbar sein.

🛍️ Einzelhandel und Gastronomie

Bereich / TätigkeitĒm (lx)UGRRaU₀
Verkaufsraum300≤ 22≥ 800,40
Kassenbereich500≤ 19≥ 800,60
Umkleideräume, Anproberäume300≤ 22≥ 800,40
Gastronomie: Küche500≤ 22≥ 800,60
Gastronomie: Restaurant200≤ 22≥ 800,40
Buffet, Selbstbedienung, Kasse300≤ 22≥ 800,40

Hinweis: Im Einzelhandel dient Beleuchtung auch der Produktpräsentation - Akzentbeleuchtung zusätzlich zur Grundbeleuchtung empfohlen.

🌙 Neu in 2021: Nicht-visuelle Wirkungen des Lichts (Anhang C)

Die Version 2021 der DIN EN 12464-1 berücksichtigt erstmals explizit die nicht-visuellen (circadianen) Wirkungen des Lichts. Diese beeinflussen unseren Tag-Nacht-Rhythmus, die Hormonproduktion und das Wohlbefinden.

Circadiane Lichtwirkung

Circadianer Rhythmus und empfohlene Lichtparameter6:00Morgen9:00Vormittag12:00Mittag16:00Nachmittag20:00AbendMorgensAktivierungFarbtemperatur:> 5000 K(kaltweiß)Beleuchtungsstärke:> 500 lx→ Fördert Wachheitund KonzentrationMittagsHöchste LeistungFarbtemperatur:5000-6500 K(tageslichtähnlich)Beleuchtungsstärke:500-1000 lx→ OptimaleSehleistungNachmittagsÜbergangsphaseFarbtemperatur:4000-5000 K(neutralweiß)Beleuchtungsstärke:300-500 lx→ Sanfter Übergangzur RuheAbendsEntspannungFarbtemperatur:< 3000 K(warmweiß)Beleuchtungsstärke:< 200 lx→ Melatoninproduktionwird nicht gehemmt

Melanopische Beleuchtungsstärke und technische Parameter

Die nicht-visuellen Wirkungen werden durch die melanopische Beleuchtungsstärke quantifiziert. Diese berücksichtigt die Empfindlichkeit der melanopsinhaltigen Ganglienzellen im Auge, die den circadianen Rhythmus steuern.

MaßeinheitBeschreibungEmpfohlene Werte
Melanopic Lux (mlx)Melanopische Beleuchtungsstärke, gewichtet nach der Empfindlichkeit der ipRGCs250-500 mlx tagsüber
Melanopic EDI (m-EDI)Equivalent Daylight Illuminance - Tageslichtäquivalente Beleuchtungsstärke≥ 250 lx am Auge
Melanopic RatioVerhältnis von melanopischer zu photopischer Beleuchtungsstärke0,65-0,90 für Tageslicht
Circadian Stimulus (CS)Maß für die Unterdrückung der Melatoninproduktion (0 = keine, 1 = maximale)CS ≥ 0,3 tagsüber

📖 Referenzstandard: DIN SPEC 67600 (2021) beschreibt Planungskriterien für biologisch wirksame Beleuchtung.

Die Werte beziehen sich auf die vertikale Beleuchtungsstärke in Augenhöhe, nicht auf die horizontale Arbeitsflächenbeleuchtung.

Empfehlungen für Arbeitsplätze

  • Tageslichtnutzung maximieren: Fensternahe Arbeitsplätze bevorzugen
  • Dynamische Beleuchtung: Farbtemperatur und Intensität im Tagesverlauf anpassen (Human Centric Lighting)
  • Hohe melanopische Wirkung tagsüber: ≥ 250 mlx vertikal am Auge mit hohem Blauanteil (≥ 5000 K)
  • Reduktion am Abend: Warmweißes Licht (< 3000 K), niedrige melanopische Wirkung
  • Exposition: Mindestens 2 Stunden aktivierende Beleuchtung am Vormittag empfohlen

Biologische Wirkungen

  • Cortisol-Produktion: Morgens durch hohe melanopische Beleuchtung (kaltes Licht) angeregt
  • Melatonin-Unterdrückung: Blaulichtanteil (460-490 nm) hemmt Müdigkeit tagsüber
  • Schlafqualität: Warmweißes Licht abends (geringe melanopische Wirkung) schützt Schlafrhythmus
  • Stimmung und Leistung: Dynamisches Licht verbessert Konzentration, Wohlbefinden und Produktivität
  • Saisonale Depression: Hohe Beleuchtungsstärken können SAD-Symptome reduzieren

💡 Hinweis: Die circadianen Anforderungen sind im Anhang C als informativ (nicht normativ) aufgeführt. Sie stellen Empfehlungen dar, sind aber keine verbindliche Pflicht. Dennoch wird ihre Berücksichtigung für moderne Arbeitsplätze stark empfohlen.

Zusätzliche Qualitätsanforderungen

🎭 Lichtrichtung und Modelling

Die Beleuchtung soll dreidimensionale Objekte und Gesichter natürlich erscheinen lassen:

  • Diffuse + gerichtete Komponente: Kombination vermeidet flache oder zu harte Beleuchtung
  • Modelling-Faktor: Verhältnis zwischen zylindrischer und horizontaler Beleuchtungsstärke
  • Empfohlener Bereich: 0,3 bis 0,6 für gute Gesichtserkennung

⚡ Flicker- und Stroboskopfreiheit

Moderne LED-Beleuchtung muss flimmerfrei sein:

  • Keine sichtbaren Flimmererscheinungen: Pst LM (Percent Flicker) < 10% empfohlen
  • Keine stroboskopischen Effekte: SVM (Stroboscopic Visibility Measure) < 1,0
  • Besonders kritisch: Bei rotierenden Maschinen und bewegten Teilen

🌈 Lichtfarbe (Farbtemperatur)

Die Farbtemperatur beeinflusst Atmosphäre und Wohlbefinden:

  • Warmweiß (< 3300 K): Gemütliche Atmosphäre, Gastronomie, Wohnbereiche
  • Neutralweiß (3300-5300 K): Standard für Büros, Schulen, Verkaufsflächen
  • Tageslichtweiß (> 5300 K): Aktivierend, für Präzisionsarbeiten, Krankenhäuser

🔄 Wartungsfaktor (Maintenance Factor)

Der Wartungsfaktor (MF) berücksichtigt den Lichtstromrückgang über die Nutzungsdauer:

MF = LLMF × LSF × LMF × RMF

LLMF = Lampenlichtstrom-Wartungsfaktor (Lamp Lumen Maintenance Factor)

LSF = Lampenlebensdauerfaktor (Lamp Survival Factor)

LMF = Leuchtenwartungsfaktor (Luminaire Maintenance Factor)

RMF = Raumwartungsfaktor (Room Maintenance Factor)

UmgebungVerschmutzungsgradTypischer MF
Büro, sauberSehr gering0,80
Einzelhandel, SchuleGering0,75
Industrie, normalMittel0,70
Werkstatt, staubigHoch0,67
Produktion, sehr staubigSehr hoch0,60

Planungsformel: Anfangsbeleuchtungsstärke Einitial = Em (Norm) / MF

Beispiel: Für 500 lx in staubiger Umgebung (MF=0,67): Einitial = 500 / 0,67 = 746 lx

→ Detaillierte Berechnung: Wartungsfaktor-Rechner

⚙️ Kontextmodifikatoren – Anpassung an spezielle Situationen

Die DIN EN 12464-1 erlaubt die Anpassung der Beleuchtungsstärke mittels Kontextmodifikatoren, wenn besondere Anforderungen vorliegen. Diese Faktoren berücksichtigen die spezifischen Bedingungen der Sehaufgabe.

Wann werden Kontextmodifikatoren verwendet?

KriteriumFaktorAnwendung
Sehaufgabe mit höchsten Anforderungen+1 StufeSehr kleine Details, geringe Kontraste (z.B. chirurgische Präzision)
Lange Sehdauer (ganztägig)+1 StufeTätigkeiten über mehrere Stunden ohne Unterbrechung
Fehler mit schweren Folgen+1 StufeSicherheitskritische Arbeiten (z.B. medizinische Diagnostik)
Unterdurchschnittliche Sehfähigkeit+1 StufeÄltere Mitarbeiter (>60 Jahre), Arbeitsplätze mit besonderen Anforderungen
Kurze Sehdauer (gelegentlich)-1 StufeSeltene, kurze Tätigkeiten (< 30 Min./Tag)
Sehr gute Sehbedingungen-1 StufeHoher Kontrast, große Objekte, optimale Reflektanzen

Stufensystem der Beleuchtungsstärke

Die Norm verwendet ein abgestuftes System:

... 200 → 300 → 500 → 750 → 1000 → 1500 → 2000 lx ...

Eine Stufe höher bedeutet z.B. von 500 lx auf 750 lx erhöhen.

Praktisches Beispiel

Büroarbeit (Norm: 500 lx)
+ Ganztägige Arbeit (+1 Stufe)
+ Mitarbeiter >60 Jahre (+1 Stufe)
= 1000 lx empfohlen

⚠️ Wichtig: Kontextmodifikatoren sind als Empfehlung zu verstehen. Die Basiswerte der Norm (ohne Modifikatoren) sind die verbindlichen Mindestwerte. Eine Erhöhung durch Modifikatoren verbessert Komfort und Leistung.

Praktische Planung nach DIN EN 12464-1

6-Schritte-Planungsleitfaden

Schritt 1: Nutzungsanalyse

Bestimmen Sie präzise, welche Sehaufgaben an welchen Arbeitsplätzen ausgeführt werden. Berücksichtigen Sie Tätigkeitswechsel und verschiedene Nutzungsszenarien.

Schritt 2: Normwerte ermitteln

Entnehmen Sie aus Abschnitt 6 der Norm die geforderten Werte für Ēm, UGR, Ra und U₀ für Ihre spezifische Anwendung.

Schritt 3: Wartungsfaktor bestimmen

Planen Sie die Anlage so, dass die Werte auch nach Verschmutzung und Alterung eingehalten werden.Typische Wartungsfaktoren: 0,67 (stark verschmutzt) bis 0,80 (sauber).

Wartungsfaktor-Rechner

Schritt 4: Leuchtenauswahl

Wählen Sie Leuchten mit geeigneten lichttechnischen Eigenschaften:

  • • Lichtstrom und Lichtverteilung passend zur Raumgeometrie
  • • UGR-Wert der Leuchte ≤ Grenzwert laut Norm
  • • Farbwiedergabeindex Ra ≥ Mindestwert
  • • Geeignete Farbtemperatur für den Anwendungsbereich

Schritt 5: Lichttechnische Berechnung

Führen Sie eine professionelle Berechnung durch mit Software wie DIALux evo, Relux Desktop oder nutzen Sie unseren Raumbeleuchtungs-Rechner für schnelle Abschätzungen.

Schritt 6: Abnahme und Dokumentation

Nach der Installation: Messung, Prüfung und Dokumentation der tatsächlich erreichten Werte für spätere Nachweise.

❌ Häufige Planungsfehler vermeiden

Fehler 1: Wartungsfaktor nicht berücksichtigt

Problem: Anlage wird für exakt 500 lx Anfangswert geplant, Wartungsfaktor wird vergessen.

Folge: Nach 1-2 Jahren nur noch 350 lx → Wartungswert von 500 lx unterschritten!

✓ Lösung: Anfangswert = 500 lx / 0,67 = 746 lx planen (oder höher bei starker Verschmutzung)

Fehler 2: UGR-Wert nicht geprüft

Problem: Leuchten mit UGR 25 in Büro installiert (Grenzwert: UGR 19).

Folge: Blendung, Augenbelastung, Beschwerden der Mitarbeiter.

✓ Lösung: Leuchten mit UGR ≤ 19 auswählen, Anordnung optimieren

Fehler 3: Ungeeignete Farbtemperatur

Problem: Kaltweiß (6500 K) in Restaurant oder warmweiß (2700 K) in Operationsraum.

Folge: Unangenehme Atmosphäre, verfälschte Farbwahrnehmung, schlechte Arbeitsleistung.

✓ Lösung: Farbtemperatur auf Anwendung abstimmen (Restaurant: 2700-3000 K, Medizin: 4000-5000 K)

Fehler 4: Ungleichmäßige Verteilung

Problem: Zu wenig Leuchten oder ungünstige Anordnung.

Folge: Dunkle Ecken, U₀ < 0,40 → Norm verletzt.

✓ Lösung: Gleichmäßige Leuchtenanordnung, Berechnung prüfen

📋 Abnahme und Dokumentation

Nach der Installation zu prüfen:

Lichttechnische Messungen

  • Beleuchtungsstärke: Mit Luxmeter im Raster messen (z.B. 2×2 m)
  • Gleichmäßigkeit: Aus Messwerten Emin / Ēm berechnen
  • Blendung: Sichtprüfung und ggf. Leuchtdichtemessung

Dokumentation

  • Messprotokoll: Datum, Messwerte, Abweichungen
  • Leuchten-Datenblätter: Technische Daten, UGR-Werte
  • Wartungsplan: Reinigungs- und Austauschintervalle

✓ Zusammenfassung DIN EN 12464-1:2021 (inkl. Beiblatt 1, 2024)

Die DIN EN 12464-1:2021 ist die verbindliche Norm für Arbeitsplatzbeleuchtung in Deutschland und Europa. Sie definiert Mindestanforderungen für optimale Sehbedingungen und Sehkomfort.

Vier Hauptparameter:

  • 1. Beleuchtungsstärke Ēm (Lux)
  • 2. Gleichmäßigkeit U₀
  • 3. Blendungsbegrenzung UGR
  • 4. Farbwiedergabe Ra

Neuerungen 2021/2024:

  • • Circadiane Lichtwirkungen (Anhang C)
  • • Kontextmodifikatoren (Beiblatt 1)
  • • Erweiterte UGR-Bewertung
  • • Praxisbeispiele (Anhang D)

Wichtige Konzepte:

  • • Wartungsfaktor (MF)
  • • Melanopische Beleuchtung
  • • Human Centric Lighting
  • • Dynamische Lichtsteuerung

Weiterführende Informationen & Hilfreiche Tools

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⚖️ Rechtlicher Hinweis

Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und Weiterbildung. Er ersetzt keine professionelle Lichtplanung durch qualifizierte Fachkräfte (Lichtplaner, Elektroingenieure). Bei konkreten Projekten konsultieren Sie bitte einen zertifizierten Experten. Die Angaben wurden nach bestem Wissen und unter Berücksichtigung aktueller Normen zusammengestellt. Eine Haftung für Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität wird jedoch nicht übernommen. Maßgeblich sind stets die aktuellen Fassungen der DIN EN 12464-1:2021-11 und des Beiblatts 1 (Mai 2024), erhältlich beim Beuth Verlagoder über DIN Media.