Circadiane Beleuchtung: Chronobiologie & Gesundheit

🌅 Was ist circadiane Beleuchtung?

Circadiane Beleuchtung (von lat. circa diem = ungefähr ein Tag) passt Lichtintensität und Farbtemperatur an den natürlichen24-Stunden-Rhythmus des Menschen an. Ziel: Unterstützung derinneren Uhr für optimale Gesundheit, Leistung und Schlafqualität.

Biologische Grundlagen: Die innere Uhr

Der Suprachiasmatische Nucleus (SCN)

Der SCN (Suprachiasmatic Nucleus) ist die "Hauptuhr"des Körpers, lokalisiert im Hypothalamus (Gehirn).

Funktionsweise

  • Lichtsignal: ipRGC-Zellen (Netzhaut) → SCN (Gehirn)
  • Hormonsteuerung: SCN → Zirbeldrüse → Melatonin-Ausschüttung
  • Rhythmus: ~24,2 Stunden (natürliche Periode, ohne Licht)
  • Synchronisation: Tageslicht passt Rhythmus auf 24h an

→ Ohne Lichtsignal (z.B. Blindheit) verschiebt sich der Rhythmus täglich um ~12 Minuten!

ipRGC-Zellen: Die dritte Photorezeptor-Klasse

Intrinsically Photosensitive Retinal Ganglion Cells

Rezeptor-TypFunktionPeak-Sensitivität
StäbchenDämmerungssehen (Helligkeit)~505 nm (Grün)
Zapfen (S/M/L)Farbsehen (Rot/Grün/Blau)420/530/560 nm
ipRGC (Melanopsin)Circadianer Rhythmus, Pupillenreflex~480 nm (Cyan-Blau)
Spektrale Empfindlichkeitskurven
Wellenlänge (nm)400450500550600650Relative Empfindlichkeit480 nmMelanopsin (ipRGC)S-Zapfen (420nm)Stäbchen (505nm)M-Zapfen (530nm)L-Zapfen (560nm)

Die Grafik zeigt die spektrale Empfindlichkeit verschiedener Photorezeptoren. Melanopsin (ipRGC) hat seine höchste Empfindlichkeit bei ~480 nm (Cyan-Blau), was für die circadiane Wirkung von Licht entscheidend ist.

→ ipRGC-Zellen sind direkt lichtempfindlich (Melanopsin-Protein) und senden Signale an SCN, nicht ans visuelle Cortex!

Hormonelle Regulation

Melatonin: Das Schlafhormon

Produktion & Regulation

  • Produziert: Zirbeldrüse (Epiphyse) im Gehirn
  • Rohstoff: Serotonin → Melatonin (nachts)
  • Funktion: "Müdigkeitshormon", senkt Körpertemperatur, Blutdruck
  • Peak-Zeit: 02:00-04:00 Uhr (bei normalem Rhythmus)

Lichtabhängigkeit

LichtverhältnisMelatonin-NiveauEffekt
DunkelheitHoch ↑Müdigkeit, Schlafbereitschaft
Warmes Licht (2700K)Mittel →Leichte Hemmung
Kaltes Licht (6500K, hell)Niedrig ↓Starke Unterdrückung, Wachheit

Blaues Licht (460-480 nm) hemmt Melatonin-Ausschüttung am stärksten!

Cortisol: Das Stresshormon (Wachmacher)

Produktion & Regulation

  • Produziert: Nebennierenrinde
  • Funktion: Energie-Mobilisierung, Wachheit, Stressreaktion
  • Peak-Zeit: 06:00-08:00 Uhr (Cortisol Awakening Response)
  • Tiefpunkt: 00:00-02:00 Uhr

Lichteinfluss

Helles, kaltes Licht am Morgen: Fördert Cortisol-Anstieg → Wachheit
Gedimmtes, warmes Licht am Abend: Natürlicher Cortisol-Abfall → Entspannung

Melatonin vs. Cortisol: Der Tag-Nacht-Zyklus

Hormon-Konzentration00:0006:0012:0018:0024:00MelatoninCortisolCortisol PeakMelatonin Peak
06:00
Cortisol ↑ (Peak) | Melatonin ↓ (Minimum) → Aufwachen
12:00
Cortisol → (hoch) | Melatonin ↓ → Höchste Leistung
18:00
Cortisol ↓ | Melatonin ↑ (beginnt) → Entspannung
02:00
Cortisol ↓ (Minimum) | Melatonin ↑ (Peak) → Tiefschlaf

Melanopische Wirkung von Licht

Melanopic Equivalent Daylight Illuminance (mEDI)

mEDI = Maßeinheit für die biologische Wirksamkeitvon Licht auf den circadianen Rhythmus (in Lux, melanopisch gewichtet)

Berechnung

mEDI = Ev × mλ

Ev = Photopische Beleuchtungsstärke [lx]
mλ = Melanopischer Faktor (spektrale Gewichtung)

Melanopische Faktoren nach Lichtquelle

LichtquelleFarbtemp.mλ-Faktor500 lx → mEDI
Tageslicht (Mittag)6500K1,3650 mEDI
LED Kaltweiß6500K1,2600 mEDI
LED Neutralweiß4000K0,8400 mEDI
LED Warmweiß2700K0,4200 mEDI
Glühbirne2700K0,3150 mEDI
Kerze1900K0,150 mEDI

Empfohlene mEDI-Werte (DIN SPEC 67600)

TageszeitEmpfohlener mEDIZiel
Morgens (06:00-10:00)≥ 250 mEDIWachheit, Cortisol ↑, Melatonin-Unterdrückung
Mittags (10:00-16:00)≥ 200 mEDIHohe Leistungsfähigkeit, Stabilisierung
Nachmittags (16:00-20:00)100-200 mEDIGradueller Übergang
Abends (20:00-22:00)< 100 mEDIMelatonin-Produktion nicht stören
Nachts (22:00-06:00)< 10 mEDISchlaf, Regeneration
Idealer mEDI-Verlauf im Tagesverlauf
mEDI (melanopic lux)010020030040050000:0004:0008:0012:0016:0020:0024:00Empfohlener Bereich~400 mEDIMorgen-Peak~100 mEDIAbendgrenzeNachtAktive PhaseAbend

Idealer Verlauf: Morgens schneller Anstieg auf ≥250 mEDI, tagsüber Erhalt bei 200-400 mEDI, abends gradueller Abfall unter 100 mEDI, nachts <10 mEDI für ungestörten Schlaf.

Gesundheitliche Auswirkungen

Positive Effekte circadianer Beleuchtung

✓ Schlaf & Regeneration

  • +15-30 Min längerer Schlaf (Studien)
  • Tiefere Schlafphasen (REM-Schlaf ↑)
  • Schnelleres Einschlafen (-20%)
  • Weniger nächtliches Erwachen
  • Bessere Erholung

✓ Leistung & Kognition

  • +10-25% Konzentration
  • Schnellere Reaktionszeiten (-8%)
  • Bessere Merkfähigkeit (+15%)
  • Höhere Aufmerksamkeit (vormittags)
  • Weniger Fehler bei Routineaufgaben

✓ Stimmung & Wohlbefinden

  • Reduktion von Winterdepression (SAD)
  • Verbesserte Stimmung (+20%)
  • Weniger Müdigkeit tagsüber
  • Höhere Arbeitszufriedenheit
  • Geringere Burnout-Rate

✓ Gesundheit & Prävention

  • -10-20% Fehltage (Krankheit)
  • Stabilerer Blutdruck
  • Bessere Glukose-Regulation (Diabetes-Prävention)
  • Stärkeres Immunsystem
  • Geringeres Krebsrisiko (Langzeitstudien)

Negative Folgen schlechter Lichthygiene

❌ Circadiane Disruption (Chronodisruption)

Ursachen: Schichtarbeit, blaues Licht abends (Bildschirme), zu wenig Tageslicht tagsüber

Kurzzeitfolgen
  • Einschlafprobleme
  • Tagesmüdigkeit
  • Konzentrationsschwäche
  • Reizbarkeit
Langzeitfolgen (bei chronischer Disruption)
  • Metabolisches Syndrom: Übergewicht, Diabetes Typ 2
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bluthochdruck, Herzinfarkt-Risiko ↑
  • Depression & Angststörungen
  • Erhöhtes Krebsrisiko: Brust-, Prostatakrebs (WHO: "probably carcinogenic")
  • Beschleunigtes Altern

Besondere Zielgruppen

1. Schichtarbeiter

Herausforderung

Arbeit gegen die innere Uhr → Chronische circadiane Disruption

Lichtmanagement-Strategien

  • Nachtschicht: Sehr helles, kaltes Licht (1000 lx, 6500K) am Arbeitsplatz
  • Nach Schicht: Dunkle Sonnenbrille auf dem Heimweg (Melatonin-Schutz)
  • Zuhause: Schlafzimmer komplett abdunkeln (0 lx!)
  • Vor Schicht: 2h vor Arbeitsbeginn helles Licht (Aktivierung)

→ Lichttherapie-Lampe (10.000 lx, 6500K) für 30 Min vor Nachtschicht empfohlen!

2. Ältere Menschen (65+)

Besonderheiten

  • Linsentrübung: -50% Lichtdurchlässigkeit bei 75-Jährigen
  • Schwächerer SCN: Weniger empfindlich für Lichtsignale
  • Frühere Schlafphase: Natürliche Verschiebung zu früherem Schlafen/Aufwachen

Empfohlene Anpassungen

  • 2-3× höhere Beleuchtungsstärke (1000-1500 lx statt 500 lx)
  • Morgens: Sehr helles Licht (Stabilisierung des Rhythmus)
  • Demenzpatienten: Helles Tageslicht reduziert "Sundowning"

3. Kinder & Jugendliche

Besonderheiten

  • Klare Augenlinse: Hohe Blaulicht-Transmission
  • Pubertät: Natürliche Phasenverschiebung nach hinten (später ins Bett)
  • Bildschirmnutzung: Hohe Blaulicht-Exposition abends

Empfehlungen

  • Schulen: Helles, kaltes Licht morgens (6500K, 500+ lx) → Aufmerksamkeit
  • Zuhause: Warmweißes Licht abends (2700K)
  • Bildschirme: Blaulichtfilter ab 20:00 Uhr (Night Shift, f.lux)

Lichttherapie bei Erkrankungen

Seasonal Affective Disorder (SAD) - Winterdepression

Symptome

  • Niedergeschlagenheit im Herbst/Winter
  • Antriebslosigkeit, erhöhtes Schlafbedürfnis
  • Heißhunger auf Kohlenhydrate
  • Gewichtszunahme

Lichttherapie-Protokoll

Intensität:10.000 lx (auf Augenhöhe)
Farbtemperatur:6500K (Kaltweiß)
Dauer:30 Min pro Tag
Zeitpunkt:Morgens (06:00-08:00)
Abstand:30-50 cm zur Lampe
Wirkung:Nach 1-2 Wochen spürbar

→ Lichttherapie ist bei SAD so wirksam wie Antidepressiva, aber ohne Nebenwirkungen!

Andere Indikationen

  • Nicht-saisonale Depression: Adjuvante Therapie (zusätzlich zu Medikamenten)
  • Schlafphasensyndrom: Verschiebung der Schlafphase (DSPD/ASPD)
  • Jetlag: Schnellere Anpassung an neue Zeitzone
  • Demenz: Reduktion von Agitiertheit und "Sundowning"
  • Parkinson: Verbesserung von Schlaf und motorischen Symptomen

Praktische Umsetzung

Circadiane Beleuchtung im Büro

Beispiel-Szenario: Großraumbüro

ZeitFarbtemp.HelligkeitmEDIWirkung
08:00 (Arbeitsbeginn)5000K500 lx400 mEDIAktivierung, Konzentration ↑
10:00-14:00 (Peak)6000K750 lx600 mEDIMaximale Leistungsfähigkeit
16:00 (Nachmittag)4000K400 lx250 mEDISanfter Übergang

💡 Empfohlene Technologie:

  • Leuchten: Tunable White LED (CCT 2700-6500K)
  • Steuerung: DALI-2 DT8 (Color Tuning)
  • Sensoren: Präsenzmelder + Tageslichtsensor
  • System: Zentralsteuerung mit Zeitschaltung oder Human Centric Lighting Controller

Zu Hause: Praktische Tipps

✓ Morgens (06:00-10:00)

Tageslicht: Vorhänge sofort öffnen (natürliches Licht!)
Frühstück: Nahe am Fenster einnehmen (500+ lx)
Lichttherapie: Optional 10.000 lx Lampe für 20-30 Min

✓ Tagsüber (10:00-18:00)

Außenaktivität: Mittagspause draußen (10.000+ lx natürlich)
Arbeitsplatz: Möglichst nahe am Fenster
LED-Beleuchtung: Neutral- bis Kaltweiß (4000-5000K)

✓ Abends (18:00-22:00)

Licht dimmen: 50-100 lx ausreichend
Warmweiß: 2700K (Melatonin-Produktion nicht stören)
Bildschirme: Night Shift / Blaulichtfilter aktivieren
Indirekte Beleuchtung: Steh-/Tischlampen statt Deckenfluter

✓ Nachts (22:00-06:00)

Schlafzimmer: Komplett abdunkeln (Rolladen, Vorhänge)
Nachtlicht: Falls nötig: Rotes Licht (625 nm, <1 lx)
Smartphone: Lautlos, Bildschirm nach unten (Lichtstörung vermeiden)

✓ Zusammenfassung

  • Circadiane Beleuchtung: Unterstützt 24h-Rhythmus durch Licht
  • ipRGC-Zellen: Melanopsin-Photorezeptoren (Peak 480 nm) → SCN → Melatonin
  • mEDI: Biologisch wirksame Beleuchtungsstärke (melanopisch gewichtet)
  • Empfehlung: Morgens/Mittags ≥250 mEDI, Abends <100 mEDI
  • Gesundheit: +15-30 Min Schlaf, +10-25% Konzentration, -10-20% Fehltage
  • SAD-Therapie: 10.000 lx, 6500K, 30 Min morgens
  • Praxis: Tunable White LED (2700-6500K) + Zeitsteuerung
  • Zuhause: Tageslicht maximieren, abends Warmweiß + dimmen

Weiterführende Informationen & Hilfreiche Tools

🔗 Verwandte Artikel und Rechner zur circadianen Beleuchtung und biologisch wirksamen Licht:

Wissenschaftliche Grundlagen & Normen

Relevante Standards und Richtlinien

Standard/NormBeschreibungJahr
DIN SPEC 67600Biologisch wirksame Beleuchtung - Planungsempfehlungen2013
CIE S 026/E:2018System zur Messung melanopischer Lichtwirkung2018
DIN EN 12464-1Licht und Beleuchtung - Beleuchtung von Arbeitsstätten2021
WELL Building StandardGebäudestandard mit Fokus auf Gesundheit und Wohlbefinden2023

🔬 Wissenschaftliche Fakten (Validiert 2025)

Melanopsin-Peak bei 480 nm

Bestätigt durch zahlreiche Studien (Berson et al. 2002, Lucas et al. 2014). Die maximale circadiane Wirkung liegt bei cyan-blauem Licht.

SCN als Hauptuhr des Körpers

Der Suprachiasmatische Nucleus im Hypothalamus enthält ca. 20.000 Neuronen und steuert den circadianen Rhythmus aller Organe.

Melatonin-Unterdrückung durch Licht

50% Unterdrückung bei ~200 melanopic lux (Zeitzer et al. 2000). Bereits 30-40 lx blaues Licht kann Melatonin signifikant hemmen.

Cortisol Awakening Response (CAR)

Natürlicher Cortisol-Anstieg um 50-75% innerhalb der ersten 30 Minuten nach dem Aufwachen. Wird durch Morgenlicht verstärkt.

⚠️ Wichtige Hinweise

  • Individuelle Unterschiede: Die optimale Beleuchtung variiert je nach Alter, Gesundheitszustand und individueller Chronobiologie (Chronotyp: Frühaufsteher vs. Langschläfer)
  • Keine Selbsttherapie: Bei Schlafstörungen, Depression oder anderen Erkrankungen sollte immer ein Arzt oder Psychotherapeut konsultiert werden
  • Lichttherapie-Lampen: Für medizinische Zwecke sollten zertifizierte Lichttherapiegeräte (Medizinprodukt) verwendet werden, keine Standard-LED-Lampen
  • Blaulichtgefahr: Bei normaler Beleuchtung besteht keine Gefahr für die Netzhaut. Kritische Werte werden erst bei direktem Blick in sehr helle Lichtquellen erreicht

Letzte Aktualisierung: November 2025 | Hinweis: Circadiane Beleuchtung ist ein aktives Forschungsfeld. Alle Angaben basieren auf dem aktuellen wissenschaftlichen Stand. Bei Schlafstörungen oder psychischen Erkrankungen sollte immer ein Arzt konsultiert werden. Lichttherapie ersetzt keine medizinische Behandlung, kann aber unterstützend wirken.