Erdung & Potentialausgleich nach VDE 0100

🎯 Welche Erdung habe ich? – Schnellcheck

Beantworten Sie die Fragen, um Ihr Erdungssystem zu identifizieren:

1️⃣ Wann wurde Ihr Haus gebaut?

2️⃣ Wie viele Adern hat Ihr Hauptkabel zum Haus?

4-adrig: TN-C (PEN, alt)
4→5-adrig: TN-C-S (aufgetrennt)
5-adrig: TN-S (modern)

3️⃣ Haben Sie einen eigenen Erder im Garten?

Ja (Stab/Ring): Wahrscheinlich TT-System
Nein: TN-System (Erder vom Netz)

⚠️ Unsicher? Lassen Sie einen Elektriker prüfen! Falsche Erdung = Lebensgefahr.

⚡ Erdung rettet Leben!

Die Erdung (Schutzleiter PE) leitet Fehlerströme sicher ab und löst die Sicherung aus. Der Potentialausgleich verhindert gefährliche Spannungen zwischen Metallteilen. Beide sind gesetzlich vorgeschrieben (DIN VDE 0100-410/540)!

TN-S
Standard in Deutschland
6 mm²
Hauptpotentialausgleich
< 5 Ω
Erdungswiderstand

Erdungssysteme im Vergleich

TN-S

TN-SGetrennter Neutralleiter und Schutzleiter

Standard in Deutschland seit ~1980, Neubauten
Verlauf:
PE und N getrennt vom Trafo bis zur Steckdose
Kabel:
5-adrig (L1, L2, L3, N, PE) oder 3-adrig (L, N, PE)
✓ Vorteil:
Höchste Sicherheit, keine Spannungen am PE
✗ Nachteil:
Teurer (extra Leiter), mehr Platz im Kabelkanal
Erkennungsmerkmal: Blau (N) und Grün-Gelb (PE) immer getrennt
TN-C

TN-CKombinierter PEN-Leiter

Altbau (vor 1973), heute VERBOTEN für Endstromkreise
Verlauf:
N und PE kombiniert (PEN) vom Trafo bis zur Verteilung
Kabel:
4-adrig (L1, L2, L3, PEN)
✓ Vorteil:
Günstiger (ein Leiter weniger)
✗ Nachteil:
Gefährlich! Spannung am PEN bei Stromfluss
Erkennungsmerkmal: Grün-Gelb mit blauen Enden (PEN)
TN-C-S

TN-C-SKombiniert, dann getrennt

Häufigste Variante in Deutschland (Bestand + Neubau)
Verlauf:
PEN vom Trafo bis Hausanschluss, dann PE und N getrennt
Kabel:
Zuleitung: 4-adrig PEN, Verteilung: 5-adrig PE+N
✓ Vorteil:
Kompromiss: günstige Zuleitung, sichere Endstromkreise
✗ Nachteil:
Komplexer, Auftrennung muss fachgerecht sein
Erkennungsmerkmal: PEN wird am Hausanschlusskasten aufgetrennt
TT

TTGetrennte Erdung

Ländliche Gebiete ohne Erdleitung, Frankreich üblich
Verlauf:
PE nicht vom Trafo, sondern eigene Erdelektrode am Haus
Kabel:
Wie TN-S, aber PE zum eigenen Erder
✓ Vorteil:
Unabhängig vom Netzbetreiber
✗ Nachteil:
FI-Schutzschalter zwingend nötig, teurer
Erkennungsmerkmal: Erder (Stab/Ring) im Garten vergraben
IT

ITIsoliertes System

Krankenhäuser (OP), Industrieanlagen, Schiffe
Verlauf:
Kein Neutralleiter, Trafo nicht geerdet
Kabel:
Nur Phasen (L1, L2, L3) + PE
✓ Vorteil:
Hohe Verfügbarkeit (1. Fehler löst nicht aus)
✗ Nachteil:
Teuer, komplexe Überwachung nötig
Erkennungsmerkmal: Isolationsüberwachung (IMD) installiert

TN-S vs TN-C-S: Was ist der Unterschied?

🔌 Die beiden häufigsten Systeme in Deutschland

TN-S (getrennt)

Aufbau: PE und N sind vom Trafo bis zur Steckdose getrennte Leiter.
Vorteile:
  • PE ist stromlos (keine Spannung)
  • Höchste Sicherheit
  • Keine Störströme auf PE
  • Ideal für empfindliche Elektronik
Anwendung: Neubauten seit ~1980, empfindliche IT-Anlagen, Rechenzentren

TN-C-S (kombiniert/getrennt)

Aufbau: PEN vom Trafo bis Hausanschluss, dann Auftrennung in PE + N.
Vorteile:
  • Günstigere Zuleitung (4-adrig statt 5-adrig)
  • Endstromkreise sicher (PE getrennt)
  • Standard in Deutschland
  • Kompromiss Kosten/Sicherheit
Anwendung: Häufigste Variante (Bestand + Neubau), wenn TN-S zu teuer

💡 Wichtig: Bei TN-C-S MUSS die Auftrennung PEN → PE+N vor dem FI-Schutzschaltererfolgen! Sonst Fehlauslösungen.

Potentialausgleich: Haupt- vs Zusatzpotentialausgleich

Hauptpotentialausgleich (HPA)

Pflicht:
Gesetzlich vorgeschrieben (VDE 0100-410)
Querschnitt:
Mind. 6 mm² Cu (bei Zuleitung ≤16mm²), sonst 16 mm²
Verbindung:
Alle leitfähigen Teile im Gebäude verbinden
Zu verbindende Teile:
Wasserleitung, Gasleitung, Heizung, Stahlträger, Blitzschutz, PE-Sammelschiene
Montage:
Hausanschlussraum, Potentialausgleichsschiene
Hinweis:
Muss durchgängig leitfähig sein (keine Isolierungen!)

Zusatzpotentialausgleich (ZPA)

Pflicht:
In Feuchträumen (Bad, Schwimmbad) nach VDE 0100-701
Querschnitt:
Mind. 4 mm² Cu (wenn geschützt), 6 mm² (ungeschützt)
Verbindung:
Alle Metallteile im Raum verbinden
Zu verbindende Teile:
Badewanne, Dusche, Heizung, Wasserleitungen, Abfluss, PE von Steckdosen
Montage:
Hinter Fliesen oder unter Putz, Potentialklemmen
Hinweis:
Heute oft durch FI 30mA ersetzbar (bei TN-S System)

Schutzleiter-Querschnitte

Schutzleiter
(PE)
ZulassungBedingungTypische Anwendung
1,5 mm²
Nur wenn geschützt (in Kabel/Rohr)Außenleiter ≤16 mm²Standard-Beleuchtung, Steckdosen
2,5 mm²
Geschützt oder ungeschütztAußenleiter 16-25 mm²Starkstrom-Steckdosen, Herdanschluss
4 mm²
UngeschütztAußenleiter 25-35 mm²Zusatzpotentialausgleich, Unterverteilung
6 mm²
HauptpotentialausgleichZuleitung ≤16 mm²HPA, Sammelschiene
10 mm²
HauptpotentialausgleichZuleitung 16-35 mm²HPA Einfamilienhaus
16 mm²
HauptpotentialausgleichHPA Mehrfamilienhaus, Gewerbe

⚠️ Regel: PE ≥ Außenleiter?

Faustregel nach VDE 0100-540: Der Schutzleiter-Querschnitt muss mindestens halb so groß wie der Außenleiter sein, aber:

Wenn Außenleiter ≤ 16 mm²:
PE = Außenleiter
Beispiel: 1,5 mm² L → 1,5 mm² PE
Beispiel: 2,5 mm² L → 2,5 mm² PE
Beispiel: 10 mm² L → 10 mm² PE
Wenn Außenleiter > 16 mm²:
PE = Außenleiter ÷ 2 (mind. 16 mm²)
Beispiel: 25 mm² L → 16 mm² PE
Beispiel: 35 mm² L → 16 mm² PE
Beispiel: 70 mm² L → 35 mm² PE

Erdungsarten & Installation

Fundamenterder

Aufbau:
Stahl im Fundament (Ringerdung)
Querschnitt/Maße:
Mind. 70 mm² (Bandstahl) oder Ø8mm Rundstahl
Verlegetiefe:
In Fundament (~0,5-1m unter Gelände)
Erdungswiderstand:
Anwendung:
Standard bei Neubauten (seit ~1980)
Hinweis: Beste Lösung, große Fläche, dauerhaft

Tiefenerder (Stab)

Aufbau:
Kupfer- oder Stahlstab vertikal
Querschnitt/Maße:
Ø14-20mm, Länge 1,5-3m
Verlegetiefe:
1,5-3m senkrecht im Erdreich
Erdungswiderstand:
Gut (5-10 Ω), abhängig von Bodenfeuchtigkeit
Anwendung:
Nachrüstung, Altbau ohne Fundamenterder
Hinweis: Mehrere Stäbe erhöhen Wirksamkeit

Ringerder

Aufbau:
Bandstahl oder Kupferseil waagerecht
Querschnitt/Maße:
Mind. 50 mm² Cu oder 90 mm² Stahl
Verlegetiefe:
0,5-1m im Erdreich rund ums Haus
Erdungswiderstand:
Anwendung:
Altbau-Nachrüstung, Blitzschutz
Hinweis: Große Fläche = gute Ableitung

Erdungsband

Aufbau:
Flachband (Stahl verzinkt)
Querschnitt/Maße:
30×3,5 mm (mind. 90 mm²)
Verlegetiefe:
0,5-0,8m waagerecht
Erdungswiderstand:
Gut (abhängig von Länge)
Anwendung:
Verbindung zum Hausanschluss
Hinweis: Korrosionsschutz beachten!

Hauptpotentialausgleich-Schiene

🔧 Was gehört an die Potentialausgleichsschiene?

Pflicht-Anschlüsse (VDE 0100-410):

  • Erdungsleiter vom Fundamenterder/Erder (6-16 mm²)
  • PE-Hauptleitung zu allen Unterverteilungen (6-16 mm²)
  • Wasserleitungen (Hauswasserleitung, kalt + warm, 6 mm²)
  • Gasleitung (falls vorhanden, vor Gaszähler, 6 mm²)
  • Heizungsrohre (Vor- und Rücklauf, 6 mm²)
  • Stahlträger/Baustahlmatten (wenn leitfähig verbunden, 16 mm²)
  • Blitzschutz-Erdung (falls vorhanden, 16 mm²)

Optional (empfohlen):

  • Abwasserrohre (Metall, 6 mm²)
  • Lüftungskanäle (Metall, 6 mm²)
  • Antennenmasten (6 mm²)
  • Solaranlage-Gestell (6 mm²)

❌ NICHT anschließen: Kunststoffrohre, isolierte Leitungen, nicht-leitfähige Bauteile. Nur leitfähige Metallteile verbinden!

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Erdung und Potentialausgleich?

Zwei verschiedene Schutzmaßnahmen:
Erdung (PE): Leitet Fehlerströme zur Erde ab → löst Sicherung aus. Verbindet Gerätegehäuse mit Erde.
Potentialausgleich: Verbindet alle Metallteile miteinander → verhindert Spannungsunterschiede zwischen Badewanne, Heizung, Wasserleitung etc.
Zusammen: Beide Maßnahmen ergänzen sich. Erdung schützt bei Gerätefehlern, Potentialausgleich bei indirekten Berührungen.

Brauche ich noch einen Zusatzpotentialausgleich im Bad?

Kommt darauf an! Nach VDE 0100-701:
NEIN (oft): Bei TN-S System + FI 30mA + alle Metallteile über PE verbunden kann auf ZPA verzichtet werden.
JA (Pflicht): Bei TT-System, Altbau ohne durchgängigen PE, wenn Badewanne nicht über PE geerdet ist.
Praxis: In Neubauten meist kein ZPA nötig (FI + TN-S reicht). In Altbauten oft Nachrüstung empfohlen. Elektriker prüfen lassen!

Wie messe ich den Erdungswiderstand?

Nur durch Elektriker mit Erdungsmessgerät! Methoden:
1. 3-Leiter-Messung: Erder, 2 Hilfserder in 20m + 40m Abstand → misst Erdungswiderstand direkt
2. 4-Leiter-Messung: Präziser, eliminiert Leitungswiderstand
3. Zangen-Erdungsmessung: Ohne Hilfserder, aber ungenauer
Grenzwert: < 5 Ω bei TN-System empfohlen, < 1 Ω bei Blitzschutz Pflicht.
Prüfung: Bei Neubau-Abnahme, nach Blitzschlag, bei Verdacht auf defekten Erder.

Darf ich Kunststoff-Wasserrohre an den Potentialausgleich anschließen?

NEIN! Kunststoff leitet nicht. Potentialausgleich funktioniert nur beileitfähigen Metallteilen. Bei Kunststoffrohren:
Kein Anschluss nötig (keine Gefahr von Potentialunterschieden)
Aber: Wenn Mischinstallation (Kunststoff + Metall), dann Metallteile verbinden!
Problem: Oft Kupferanschlüsse am Ende von Kunststoffhauptleitung → diese müssen an PA! Regel: Alle Metallteile verbinden, Kunststoff ignorieren.

Was passiert, wenn der Potentialausgleich fehlt?

Lebensgefahr! Ohne Potentialausgleich können gefährliche Spannungen auftreten:
Szenario 1: Fehler in Waschmaschine → Gehäuse wird stromführend (230V). Sie berühren gleichzeitig Waschmaschine + Heizung → Stromschlag! (FI löst aus, aber mit PA wäre Spannung schon vorher ausgeglichen).
Szenario 2: Blitzschlag in Hausleitung → Überspannung auf Wasserleitung. Badewanne nicht verbunden → 230V zwischen Dusche und Heizung!
Lösung: Potentialausgleich schafft "Kurzschluss" zwischen allen Metallteilen → keine Spannung möglich.

Normen & Vorschriften

📋 Relevante Normen

DIN VDE 0100-410 (Schutzmaßnahmen)

Definiert Schutz gegen elektrischen Schlag durch Schutzerdung, Nullung, Potentialausgleich. Grundlage für alle Erdungsmaßnahmen.

DIN VDE 0100-540 (Erdung, Schutzleiter)

Legt Querschnitte, Verlegung, Verbindungen von Schutzleitern fest. Definiert Hauptpotentialausgleich und Anforderungen an Erder.

DIN VDE 0100-701 (Räume mit Badewanne/Dusche)

Zusatzpotentialausgleich in Feuchträumen, Verbindung von Badewanne, Heizung, Wasserleitungen. Wann ZPA verzichtbar ist (FI + TN-S).

DIN 18014 (Fundamenterder)

Anforderungen an Fundamenterder: Mindestquerschnitt (70 mm²), Verlegung im Fundament, Anschluss an Potentialausgleichsschiene.

Weiterführende Informationen